Wo schlafen die Gefühle…?

Gestern abend im „Café unter den Linden“ standen meine Ohren plötzlich auf, räusperten sich und setzten sich hinüber an den Nachbartisch, um dem Gespräch zweier Freundinnen zu lauschen. Eine der beiden recht attraktiven Damen in den Vierzigern bemerkte gerade ebenso emotionslos wie knapp: „Meine Gefühle für Roger sind einfach eingeschlafen,“ und zuckte mit den Schultern. „Kenn ich gut,“ erwiderte die andere und begann einen Monolog über die anästhesierende Wirkung von Beziehungen im Alltag. Währenddessen stieg mir eine Erkenntnis auf: Wenn die Füße einschlafen, beginnen sie zu kribbeln. Das ist ein eindeutiges Warnsignal, auf das man reagieren kann. Bei den Gefühlen ist es scheinbar genau anders herum. Sie kribbeln nur, wenn sie neu sind. Wenn sie einschlafen, kribbelt gar nichts mehr. Also funktioniert das Warnsystem bei den Füssen sehr viel besser als bei den Gefühlen. Merkwürdig die Natur. Warum kann sie die Dinge nicht einfach vereinheitlichen? Und wenn die Gefühle erst einmal eingeschlafen sind, wie bekommt man sie wieder wach? Durch Reiben wie bei den Füssen? Das hatte ich auch schon oft versucht. Meistens funktionierte das nicht. Sogar An-Einander-Reiben half ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiter. Um sich wirklich mit den Gefühlen zu beschäftigen, musste man sie wahrscheinlich erst einmal wieder finden. Also die Frage klären: Wo schlafen sie eigentlich? Ich machte mich also auf den Weg. Das Problem: Hamburg hat rund 2400 Brücken und damit verdammt viele Möglichkeiten für obdachlose Gefühle, sich schlafen zu legen. Unter der ersten Brücke, nahe dem Winterhuder Markt, schlief ein gebrauchtes Kondom neben einer leeren Happy-Meal-Box. Mit denen wollte ich nicht über Gefühle sprechen. Mehr Glück hatte ich unter der Lombardsbrücke. Dort lagen zwei alte Lieben neben einer kurzgewachsenen Affäre und schnarchten. Als ich mich über sie beugte, roch ich den Dunst von Alkohol. Ich zuckte zurück, kniete mich neben sie und betrachtete sie. Je länger ich es tat, umso fremder erschienen sie mir. Nein, meine waren das nicht, die mussten jemand anderem gehören. Da war ich mir ganz sicher, obwohl eine der alten Lieben in einem Schlafsack lag, der mir vor langer Zeit bei einem Umzug abhanden gekommen war. Ich erhob mich und machte mich auf den Weg zu der Brücke, die Hamburgs Altstadt mit der Neustadt verbindet: Die „Trostbrücke“. Wenn es eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart für schlafende Gefühle gab, dann musste sie es sein. Ich spürte, wie meine Schritte schneller wurden. Ich rannte. Bekam Seitenstiche. Und einen Hustenanfall. Als ich mich wieder aufrichtete, konnte ich die „Trostbrücke“ bereits im Nebel vor mir sehen. Doch was ich sah, zerstörte jede meiner Hoffnungen: Unter der Brücke war nichts. Kein Platz zum Schlafen. Keine Ecke, um sich vor dem Wind zu schützen. Nur dunkles, trübes Wasser. Ich weinte. Eine Stimme antwortete mir. Es war eine der beiden Brücken-Statuen, die mich heranwinkte. „Du musst hinüber gehen,“ rief sie. Ich verstand nicht. „Über die Brücke. Du musst einfach nur hinüber gehen."

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