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Niagara Fälle

November 27, 2017

Mein Kindergarten ist nur 100  Meter weit von unserer Wohnung entfernt. 82 Stufen den Berg hinauf. „Sie sind so breit, dass die Niagara-Fälle  an ihnen herab stürzen könnten,“ hat der alte Münzer gesagt und mir seine schrumpelige Hand auf den Kopf gelegt. Zwei Tage später holte ihn der Krankenwagen ab. „Überall Krebs, den ham sie gleich wieder zu gemacht,“ hat die Weichholz meiner Oma im Hausflur geflüstert. Frau Weichholz hat die schönsten Gardinen und wohnt gleich neben Münzer. Seit seine Frau tot ist, putzt Münzer den Hausflur nicht mehr. „Dafür könnte ihm die Weichholz an die Gurgel gehen,“ sagt Oma, sie sagt aber nichts, weil Münzer den Fernseher hat. Samstagabends klingeln alle bei ihm an. Ich muss vorher das Bier holen. Im „Löschteich“ an der Klappe. Der Wirt hat extra eine Stufe aus Sperrholz unter die Klappe gemacht, weil ich mich nicht mehr am Brett hochziehen soll. „Sechs Flaschen Bier und eine Ernte 23.“ „Haste  Leere?“ „Ja, hier!“ Ich mag das Geräusch, wenn die leeren Bierflaschen aneinander schlagen, es klingt schön, ein wenig nach Glocken. Der Geruch aus den Flaschen ist fies, ganz sauer, nach irgendwas altem. Papa riecht genauso aus dem Mund, wenn er zuviel Bier getrunken hat. Ich traue mich nicht das zu sagen. Alles was mit Bier zu tun hat, ist nichts für Kinder und man darf nichtmal darüber reden, sonst setzt es was. Papa und Mama streiten oft über das Bier. Sie mag es auch nicht, wenn er so riecht. Und schreit deshalb, auch nachts. Manchmal klingt es nach Angst. Ich mache in diesen Nächten ins Bett. Meiner Schwester sage ich, dass liegt an Münzers Niagara-Fällen, von denen ich so oft träume. Ich habe sie an den Treppen ausprobiert. Mit dem Regenwasser aus  Patzigs grüner Regentonne. Er hat sie bei Hoesch geklaut, sagt mein Papa. An ihrer rostigen Kante habe ich mir die Hand geschnitten. Obwohl Patzig mir verboten hat, aus seiner Regentonne Wasser zu nehmen. Er sagt, sobald der Regen in seiner Tonne ist, gehört er ihm. Das glaube ich nicht, der Regen gehört nicht Patzig. Das Wasser rinnt über die Stufen, es bildet kleine braune Pfützen, aus denen sich winzige Rinnsale lösen. Manche vereinigen sich wieder. Ich reiße ein Gänseblümchen ab und lasse es schwimmen. Das sieht schön aus. Ich weiß, dass Papa mich schlägt, wenn er mich mit Patzigs Regenwasser erwischt. Es ist mir egal, ich möchte die Niagara-Fälle fließen sehen.

 

 

 

 

 

 

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© 2017 Christoph Sinemus